Darmkrebs -
Therapie-Methoden
Therapien des
kolorektalen Karzinoms
Auch heute ist das
metastasierende kolorektale Karzinom in den meisten Fällen nicht
heilbar. Jedoch können Patienten mittlerweile dank verschiedener
Zystostatika-Therapien eine verlängerte rezidivfreie Zeit auch
relativ beschwerdefrei erleben.
Im Durchschnitt
erkranken in Deutschland noch immer rund 57.000 Menschen pro Jahr am
kolorektalen Karzinom, 30.000 sterben jährlich. Es macht zehn bis 15
Prozent aller Tumore aus und rund die Hälfte aller Patienten
entwickeln Metastasen - wodurch es zur zweithäufigsten Todesursache
in Folge einer malignen Neoplasie in der westlichen Welt wird.
Im Gegensatz zu früher
weiß man heute, dass auch Patienten im Stadium IV UICC von einer
zusätzlichen Therapie profitieren. Dies konnte in verschiedenen
Studien, (z.B. Scheithauer, 1993, Br Med J und Cunningham, 1998,
Lancet), sowohl für das Gesamtüberleben als auch für den
Allgemeinzustand der Patienten nachgewiesen werden.
Nach rund 30 Jahren
wurde die bis in die 90er favorisierte Monotherapie mit Fluorouracil
(5FU) als Bolus Infusion vom sogenannten Mayo- oder
Roswell-Park-Regime, einer Kombinationstherapie mit 5FU+Folinsäure
i.v., abgelöst.
Eine Übersicht über
Monoaktivitäten verschiedener Zytostatika findet sich in der
folgenden Tabelle von T. Büchele, (Onkologe 2000, Springer Vlg.):
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Substanz
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Objektive Remissionsrate |
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5FU
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5FU-Bolus
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12-20% |
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5FU-Bolus +
Folinsäure |
20 (15-35%) |
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5FU kont./
protrahierte Infusion +/- Folinsäure |
23% (20-48%) |
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Folat-Analoga
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Raltirexed
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18-26% |
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MTA
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16% |
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Orale 5FU
Prodrugs |
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UFT (Uracil/Ftorafur)
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21-38% |
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Eniluracil
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27% |
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Capecitabine
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30% |
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S1 |
35% |
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Andere
Substanzen |
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Oxaliplatin
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10-23% |
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Irinotecan
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25% |
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Mitomycin C
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12-30% |
(Monoaktivitäten
verschiedener Zytostatika beim Kolorektalen Karzinom (vorbehandelte
und chemotherapienaive Patienten) nach Büchele et al.)
Erfolgreiche Substanzen
in Mono- und Kombinationstherapien
Bislang ist der
therapeutische Standard die 5FU+Folinsäure-Therapie als
Bolusapplikation. Letzteres, da sich laut Professor H.-J. Schmoll,
Halle, bisher noch kein klinisch relevanter Überlebensvorteil bei
protrahiertem Infusionsregime feststellen ließ.
Vier neue Zytostatika
Substanzen, in klinischen Studien auf ihre Wirksamkeit überprüft,
werden in Fachkreisen heute favorisiert, Oxaliplatin und Irinotecan
als i.v. verabreichte Kombinationstherapeutika sowie Capecitabine
und UFT als orale 5FU-Prodrugs.
Oxaliplatin
ist ein
1,2-Diaminocyclohexan(DACH)-Oxalato-Platin, ein Platinderivat der 3.
Generation. Seit 9/1999 hat es in Deutschland die Zulassung als
First-line Therapie in Kombination mit 5FU.
Es zeichnet sich durch
fehlende Nephrotoxizität aus, jedoch ist eine hämatologische
Toxizität zu beachten, die ihre stärksten Auswirkungen gewöhnlich
zehn bis 14 Tagen nach Administration zeigt. Eine, die
längerfristige Applikation einschränkende Nebenwirkung, ist die
üblicherweise transiente Neuropathie.
Der Wirkstoff
Oxaliplatin wurde in mehreren Studien getestet, so 1999 von
Giacchetti et al. (Annals of Oncology), die mit einer
Kombinationstherapie dreier Zytostatika, Leucovorin 5FU-Oxaliplatin,
aufgrund ihrer Größe primär nicht operablen, in die Leber
metastasierten Kolonkarzinome (> 5cm) für eine Resektion der Filiae
vorbereiteten. Alle 389 Patienten erhielten die chronomodulierte
Tripple-Therapie fünf bzw. vier Tage lang alle drei bzw. zwei
Wochen. In über 50 Prozent der Fälle wurde eine Größenreduktion der
Lebermetastasen erreicht, so dass diese zum Teil komplett reseziert
werden konnten (38 Prozent). Die mediane Überlebenszeit aller
Studienpatienten betrug 24 Monate mit einer
Fünf-Jahres-Überlebensrate von 28 Prozent. Alle operierten Patienten
erreichten eine mittlere Überlebenszeit von 48 Monaten und eine
Fünf-Jahres-Überlebensrate von 50 Prozent.
Gramont et al. setzten
LV-5FU mit (Arm B) oder ohne (Arm A) Oxaliplatin ein (Journal of
Clinical Oncology).
Die Dosierung bei Arm
A: LV 200mg/m2/Tag als Zwei-Stunden-Infusion gefolgt von
einem Bolus 5FU 400mg/m2/Tag und einer 22 Stunden
Infusion 5FU 600mg/m2/Tag; Wiederholung an zwei
aufeinanderfolgenden Tagen alle zwei Wochen. Arm B bekam dasselbe
Regime plus 85mg/m2 Oxaliplatin am ersten Tag als zwei
Stunden Infusion in 250ml Dextrose 5% wobei i.v. Ports eine
Behandlung der Patienten im ambulanten Bereich ermöglichten.
Dieser Studie zufolge
scheint die Kombination von LV-5FU2-Oxaliplatin im Gegensatz zur
Therapie mit LV-5FU2 eine verlängerte Tumor-progressionsfreie
Überlebensrate bei akzeptablen Nebenwirkungen und Beibehalten der
Lebensqualität aufzuweisen. Allerdings konnte die
Gesamtüberlebenszeit im Vergleich zur LV-5FU Bitherapie nicht
signifikant verändert werden.
Irinotecan
gehört zur Gruppe der
Topoisomerase-I-Inhibitoren und ist ein wasserlösliches Derivat von
Camptothecin. 1983 wurde es erstmals synthetisiert, im August 1998
in Deutschland zugelassen. Seine Haupteigenschaften liegen in einer
hohen in vitro sowie in vivo zytotoxischen Aktivität bei deutlich
geringere Toxizität im Vergleich zur Muttersubstanz Camptothecin.
Die häufigsten Nebenwirkungen von Irinotecan sind Neutropenie und
Diarrhö, insbesondere die sogenannte ’verzögert einsetzende
Diarrhö‘. Diese sollte beim ersten Auftreten mit hochdosiertem
Loperamid sowie ausreichender Flüssigkeits- und
Elektrolyt-Substitution behandelt werden.
Irinotecan soll beim
kolorektalen Karzinom auch dann noch wirksam sein, wenn der Tumor
auf die vorangegangene Behandlung mit 5FU nicht angesprochen hat
oder unter dieser Therapie weiter fortgeschritten ist. Eine
Kombinationstherapie von Irinotecan-5FU-Folinsäure wurde von J.Y.
Douillard et al. (Lancet, 2000) untersucht.
Von 387 Patienten
wurden 199 mit dieser gut tolerierten Tripple Therapie, und 188 ohne
Irinotecan behandelt. Die erste Gruppe erhielt einmal wöchentlich
Irinotecan 80mg/m2 + 5FU 2.300mg/m2 über 24
Stunden + Folinsäure 500mg/m2 (N=54) oder alle zwei
Wochen Irinotecan 180mg/m2/Tag1 + 5FU 400mg/m2
Bolus + 600mg/m2 über 22 Stunden + Folinsäure 200mg/m2
an Tag 1+2 (N=145). Die Kontrollgruppe ohne Irinotecan erhielt
einmal wöchentlich 5FU 2.600mg/m2 über 24 Stunden +
Folinsäure 500mg/m2 (N=43) oder alle zwei Wochen 5FU
400mg/m2 Bolus + 600mg/m2 über 22 Stunden +
Folinsäure 200mg/m2 an Tag 1+2 (N=143).
Eine Verbesserung der
Ansprechrate (49% versus 31%) und eine Verlängerung der
Progressionszeit (median 6,7 versus 4,4 Monate) konnten ebenso
gezeigt werden wie ein längeres Überleben (median 17,4 versus 14,1
Monate). Einige Grad III - IV Nebenwirkungen kamen in der Irinotecan
Gruppe häufiger vor, wobei diese jedoch als vorhersagbar,
reversibel, nicht kumulativ und handhabbar beschrieben wurden.
Insgesamt trat in dieser Gruppe die Verschlechterung der
Lebensqualität erst deutlich später auf.
Im Rahmen der EORTC
werden weitere prospektive randomisierte Phase-III-Studie
durchgeführt, die Irinotecan, bzw. Kombinationen dieses Medikamentes
in der First-line Therapie sowohl für das Stadium II als auch III
der UICC testen.
Capecitabine
gehört zu den neuen,
oral zu applizierenden Wirkstoffen und wurde Ende letzten Jahres für
Europa zugelassen. Es ist ein Fluoropyrimidincarbamat, das
vorwiegend in Tumorzellen durch die Thymidinphosphorylase aktiviert
wird und eine kontinuierliche Gabe von 5FU imitiert. Dies bewirkt,
dass nur geringe Mengen des aktiven Wirkstoffes im übrigen Körper
auftauchen und somit Nebenwirkungen in deutlich geringerem Maße
auftreten als bei der systemischen i.v.-Therapie.
(Quelle: www.roche.de)
M. Paulo et al. (J
Clin Oncol 2001) behandelten in einer prospektiv randomisierten
Studie 605 Patienten zum einen mit einer oralen Capecitabine
Monotherapie (2x täglich 1.250mg/m2 für zwei Wochen
gefolgt von einer Woche Pause) über 14 Tage alle drei Wochen und zum
anderen mit LV-5FU Bolus-i.v.-Injektion täglich für fünf Tage im
vier Wochen Zyklus (Mayo-Klink). Im Vergleich zur i.v. Gabe des
5FU-LV zeigte die orale Capecitabine Gabe eine äquivalente
Progressionszeit (median: 4,7 versus 4,3 Monate) und keinen
signifikanten Unterschied der Gesamtüberlebensdauer (median: 13,3
versus 12,5 Monate). Ein wesentlicher Punkt jedoch war die Reduktion
der Nebenwirkungen, insbesondere in Bezug auf Stomatitis und
Neutropenie. Jedoch waren mit der oralen Therapie häufiger Grad III
des Hand-Fuß-Syndroms und Hyperbilirubinämie assoziiert. Hingegen
zeigte sich im Capecitabine-Arm dieser Studie eine schnellere
Ansprechrate des Tumors (24,8 versus 15,5 Prozent)..
Dieselben
Therapieregime wurden C. Twelves et al. (European Journal of
Cancer 2001) an 602 Patienten untersucht, wobei das
Hauptaugenmerk auf dem ökonomischen Aspekt lag. Auch hier zeigte
sich eine höhere Ansprechrate (26,6 versus 17,9 Prozent) sowie eine
äquivalente progressionsfreie Zeit und Gesamtüberlebensdauer beider
Gruppen.
UFT
ist ein weiteres
Chemotherapeutikum, das in Tablettenform verabreicht wird und aus
den Wirkstoffen Tegafur/Uracil besteht. Es wurde kürzlich vom
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zur
Therapie des metastasierenden kolorektalen Karzinoms in Kombination
mit Kalziumfolinat zugelassen.
Tegafur, der in der
Kapsel enthaltene Hauptwirkstoff, ist eine Vorstufe des Wirkstoffes
5-FU. Nach Einnahme des Mittels wird Tegafur im Körper nach und nach
in 5-FU umgewandelt. Mit dem nicht zytotoxischen Biomodulator »Kalziumfolinat«
entsteht ein Komplex, der die intrazelluläre Anti-Tumor-Aktivität
von 5-FU verbessert und die Überlebensraten zusätzlich erhöht.
In jeder einzelnen
Kapsel sind Tegafur und Uracil in einem Verhältnis von 1:4
enthalten. Als Prodrug oral genommen, findet erst in der Leber der
Abbau von Tegafur zu 5-FU statt. Währenddessen hemmt Uracil den
weiteren Abbau durch die Dihydropyrimidin-Dehydrogenase, was in der
Folge einen zehnfach erhöhten 5-FU-Spiegel im Tumorgewebe zur Folge
hat.
Da auch 5-FU erst
intrazellulär in zwei Metabolite aktiviert wird, hat auch dieser
Wirkstoff noch den Charakter einer Prodrug. Dazu gibt man begleitend
Kalziumfolinat, um die Verweilzeit der Metabolite in der Krebszelle
zu verlängern. Einer der Metabolite greift dabei auf die Ebene der
DNA-Synthese zu, der zweite zerstört die normale RNA-Funktion. Bei
der Teilung resultiert programmierter Zelltod.
In zwei großen,
internationalen Phase III-Studien mit annährend 1200
Darmkrebs-Patienten wurde gegenüber den Zulassungsbehörden belegt,
dass die Wirksamkeit von UFT die gleiche wie bei bisher genutzten
Standardtherapien ist. Das gilt sowohl für den Zeitraum für den es
möglich war, den Verlauf der Krankheit aufzuhalten als auch für den
Prozentsatz der Patienten, bei denen die Tumore schrumpften sowie
für die Sterblichkeit insgesamt.
Therapien im Vergleich:
Welche Vorteile - welche Nachteile?
Die beschriebenen
Therapieregime unterscheiden sich nach Studienlage einerseits in der
erzielten medianen Überlebenszeit, dem Nebenwirkungsprofil sowie in
ihrer Darreichungsform - also auch in der daran gekoppelten,
notwendigen Häufigkeit und Dauer der Krankenhausaufenthalte.
Es bleibt die Aufgabe
des behandelnden Arztes, sich in enger Zusammenarbeit mit seinem
Patienten für eine dieser Therapien zu entscheiden. Kriterien
sollten hierbei neben den ökonomischen auch die psychischen und
sozialen Aspekte des individuell betroffenen Menschen sowie seine
Erwartungen und Wünsche sein. |