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Historische Entwicklung
von Morbus Bechterew
Der
Morbus Bechterew ist keine Erkrankung der Neuzeit. Pathoanatomische Studien
zeigten bereits an ägyptischen Mumien bechterewartige Veränderungen. Dazu ein
Artikel aus dem Bechterew-Brief 91 (Dezember 2002) vom DVMB:
4000 Jahre Spondylitis-ankylosans-Therapie
- von Prof. Dr. rer. nat. Ernst Feldtkeller, München,
Redaktion
Vor 100 Jahren wurde die Spondylitis ankylosans (Morbus
Bechterew) noch ganz anders behandelt als heute. Die Notwendigkeit intensiver
Bewegungsübungen war noch nicht erkannt. Die Patienten wurden mit einem
Gipskorsett ruhig gestellt, um ihnen die Schmerzen zu nehmen, und versteiften
entsprechend schnell. Bald nach der Erfindung der Röntgenstrahlung kam die
therapeutische Bestrahlung der Wirbelsäule in Gebrauch. Das erste der heute
gebräuchlichen nicht-steroidalen Antirheumatika kam erst 1965 auf den Markt.Wie
aber sah die Behandlung im Altertum aus? Der Morbus Bechterew ist keine moderne
Zivilisationskrankheit. Im Bechterew-Brief Nr. 85 konnten Sie lesen, dass
schon der mächtige Pharao RAMSES II. an dieser Krankheit litt. Im
Bechterew-Brief Nr. 71 berichteten wir vom Heiligen APA BANE im 4.
Jahrhundert n. Chr., und im Bechterew-Brief Nr. 62 von Bechterewlern zur
Zeit Jesu in Palästina.Als ich im Spektrum
der Wissenschaft vom Februar 2002 las, dass eine der wenigen
altägyptischen Papyrus-Rollen medizinischen Inhalts „Ramesseum V“ genannt wird
und Rezepte gegen Versteifungen und Verkrümmungen enthielt, dachte ich sofort an
unseren Mitpatienten Ramses II. Im Ramesseum auf dem Westufer des Nils (südlich
des Zugangs zum Tal der Könige) fand der Kult zu Ehren des verstorbenen Pharao
statt. Sollten die Priester in seinem Totentempel hinterlegt haben, mit welcher
Therapie der Herrscher zu Lebzeiten behandelt wurde?
Im Ägyptologischen Institut der
Universität München fand ich Bücher zu diesem Thema und wurde eines besseren
belehrt. Im Jahre 1896 fand der Archäologe J. E. QUIBELL vier Meter tief unter
den Resten der aus ungebrannten Lehmziegeln erbauten Magazinräume des Tempels
mehrere Gräber. In einer 45 x 30 x 30 cm3 großen Holzkiste lagen sehr
schlecht erhaltene Papyrus-Rollen. Wenn man eines der Fragmente zwischen Daumen
und Zeigefinger nahm, zerfiel es sofort zu Staub. Aus dem Stil der Hieroglyphen
konnte er erkennen, dass es sich um Papyri aus der 12. Dynastie handelte, also
aus der Zeit um 1900 v. Chr.. Es musste sich also um Gräber handeln, die 7
Jahrhunderte später durch die Magazinräume des Tempels überbaut wurden.Die
Kiste enthielt außerdem Teile von vier Elfenbein-Kastagnetten und weitere
Utensilien, die darauf hindeuteten, dass es sich um das Grab eines Magiers und
Medizinmanns handelte. Vor allem die Figur eines Mädchens, das in jeder Hand
eine Schlange hielt, wies in diese Richtung.Die
Papyri wurden sorgfältig geborgen und nach England gebracht. Um sie nicht zu
zerstören, wurden sie nicht entrollt. Schließlich fand man in Hugo IBSCHER in
Berlin einen Papyruskonservator, dem man die Rettung der Texte zutraute. Er
musste zeitweise mit Mundschutz arbeiten, weil der leiseste Atemzug Teile der
Schrift wegzublasen drohte. Ihm gelang es tatsächlich, die Papyri Stück für
Stück zwischen Glasplatten zu konservieren. Photographien aller konservierten
Texte erschienen in einem 1955 von Sir Alan GARDINER herausgegebenen Buch, dem
die hier abgebildeten Teile entnommen sind.Von
den 18 Papyrusrollen enthielten zwei Rollen Bruchstücke literarischer
Erzählungen. Drei Rollen enthielten medizinische oder magisch-medizinische
Texte, und alle übrigen enthielten rein magische Texte, also Beschwörungsformeln
oder Zaubersprüche (z.B. für die Zukunft von Mutter und Kind nach einer Geburt).Dazu
muss man wissen, dass im Altertum (und in Europa selbst noch im Mittelalter)
Medizin und Religion eng verknüpft waren. Im alten Ägypten gehörte sowohl zur
Herstellung von Arzneimitteln als auch zu ihrer Anwendung die Rezitation einer
Beschwörungsformel. So ist es kein Wunder, dass sich im Nachlass eines
Medizinmanns auch eine Sammlung einschlägiger Beschwörungsformeln findet.Der
Papyrus Ramesseum V ist der einzige Papyrus rein medizinischen Inhalts aus
diesem Fund. Im ausgerollten Zustand 1 m lang und 14 cm hoch, enthält der
Papyrus Rezepte zur Behandlung rheumatischer Beschwerden, insbesondere gegen
Versteifungen und Verkrümmungen. Er wird heute im Britischen Museum in London
aufbewahrt. Man nimmt an, dass die Rezepte weitgehend auf Erfahrung beruhen.
Dem Ägyptologen John BARNS gelang es, die in „kursiven
Hieroglyphen“ (einer vereinfachten Schreibschrift) geschriebenen Texte
weitgehend zu entziffern. Das in der oberen Hälfte von Bild 2a enthaltene
Rezept lautet zum Beispiel:
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„Zum Erweichen von allem, was versteift ist: Natron,
Bohnen, Behenöl, Nilpferdöl, Krokodilöl, Öl des Silurus-Fischs, Öl der
Meeräsche, Weihrauch, süße Myrrhe, Honig, zusammen zu kochen, bandagiere
damit jeden Tag, bis es ihm besser geht.“
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Und das in der oberen Hälfte von Bild 2b
gezeigte Rezept lautet:
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„Erweichen von Steifheit und Strecken von
Verkrümmungen: Behenöl, Tausendfüßler-Fett, Nilpferd-Fett, Löwen-Fett,
Esel-Fett, Krokodil-Fett, Maus-Öl, Eidechsen-Öl, Schlangen-Öl, Erdmandelöl,
Wachs, werde zu einer Masse gekocht, damit jeden Tag salben, bis es ihm
besser geht.“
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Selbstverständlich waren diese Rezepte nicht
ausschließlich der Spondylitis ankylosans vorbehalten, zumal diese Diagnose
damals noch unbekannt war. Wir können aber davon ausgehen, dass unsere
Leidensgenossen zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. mit diesen und ähnlichen
Rezepturen (unter Absingen dazugehörender Beschwörungsformeln) behandelt wurden.
Quellen:
[1] K. Lange, M. Hirmer: Ägypten. Hirmer Verlag München
1967
[2] A. H. Gardiner (Hg.): The Ramesseum Papyri. Oxford
University Press, Oxford 1955
[3] R. Schmitz: Geschichte der Pharmazie, Bd. 1: Von den
Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters. Govi-Verlag Eschborn 1998
[4] J. W. B. Barns (Hg.): Five Ramesseum Papyri. Oxford
University Press, Oxford 1956
[5] W. Westendorf: Handbuch der altägyptischen Medizin.
Brill Leiden/Boston/Köln 1999
Den Startschuß für die wissenschaftliche Analyse des Krankheitsbildes gaben am
Ende des 19. Jahrhunderts der russische Neurologe Wladimir von Bechterew, der
deutsche Internist Adolf Strümpell und der französische Neurologe Pierre
Marie.
Nach
dem ersten wird die Erkrankung im deutschen Sprachraum benannt. International
hat sich der Begriff „Spondylitis ankylosans“ (SPA) durchgesetzt. In den USA
wertete man die SPA bis in die Mitte dieses Jahrhunderts hinein als Wirbelsäulenvariante
der chronischen Polyarthritis (cP). Dass es sich bei der SPA und der cP um zwei
völlig unterschiedliche Erkrankungen handelt, wurde in den 70er Jahren durch
die Entdeckung der HLA-B27-Assoziation und
die Einführung des Konzepts der seronegativen Spondarthritis unterstützt. Man
erkannte, dass der M. Bechterew, die Psoriasis-Arthritis, die reaktive Arthritis
und die undifferenzierte Spondarthritis viele klinische und genetische
Gemeinsamkeiten aufweisen.
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